Warum ist Wassermangel eine der größten Bedrohungen unserer Zeit?
Die Bilder von ausgetrockneten Flussbetten und rissiger Erde, die in den letzten Jahren immer häufiger aus Spanien, Portugal und Italien kommen, zeugen von einem Problem, das lange als Sorge anderer Kontinente galt. Im Jahr 2022 erlebte der Po die schwerste Dürre seit siebzig Jahren, während die Stauseen auf der Iberischen Halbinsel zeitweise besorgniserregend niedrige Pegelstände aufwiesen. Klimaforscher erklären, dass höhere Temperaturen nicht nur die Verdunstung beschleunigen, sondern auch die Verteilung der Niederschläge verändern, sodass auf Starkregen immer häufiger lange Trockenperioden folgen. Dürren sind allerdings kein ausschließlich europäisches Phänomen: Von Ostafrika und dem Nahen Osten bis zu weiten Teilen Indiens kämpfen Millionen Menschen mit einer chronisch unsicheren Wasserversorgung.
Der größte Verbraucher von Süßwasser sind nicht die Haushalte, wie oft fälschlich angenommen wird, sondern die Landwirtschaft. Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation entfallen auf die Bewässerung rund 70 Prozent des Wassers, das der Mensch aus Flüssen, Seen und Grundwasserleitern entnimmt. Besonders problematisch ist, dass wasserintensive Kulturen wie Reis, Baumwolle oder Avocados häufig gerade in trockenen Regionen angebaut werden, in denen jeder Liter kostbar ist. In Südspanien werden etwa riesige Gewächshausflächen mit Wasser aus Brunnen bewässert, von denen ein großer Teil Umweltorganisationen zufolge ohne Genehmigung gebohrt wurde.
Wenn die Oberflächengewässer versiegen, bedienen sich die Landwirte des Grundwassers, das sich anders als Flüsse äußerst langsam erneuert, in manchen Fällen erst im Laufe von Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden. Satellitenmessungen, die kleinste Veränderungen im Schwerefeld der Erde erfassen, zeigen, dass die Grundwasservorräte in zahlreichen Regionen schrumpfen, von Nordindien bis Kalifornien. Die Folgen sind sogar mit bloßem Auge sichtbar: In Mexiko-Stadt, errichtet auf einem ehemaligen Seebett, sinkt der Boden stellenweise um mehr als 20 Zentimeter pro Jahr.
Angesichts dieser Entwicklungen setzen immer mehr Staaten auf die Meerwasserentsalzung, also auf die Aufbereitung von Meerwasser zu Trinkwasser. Die Golfstaaten wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, aber auch Israel decken bereits einen erheblichen Teil ihres Trinkwasserbedarfs auf diese Weise. Die Technologie hat allerdings ihren Preis: Die Anlagen verbrauchen enorme Mengen an Energie, die in der Region noch überwiegend aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird. Zudem entsteht bei diesem Verfahren eine hochkonzentrierte Salzlauge, die, sofern sie ohne angemessene Behandlung ins Meer eingeleitet wird, den Meeresökosystemen schaden kann.
Wassermangel ist auch eine geopolitische Frage, insbesondere dort, wo sich mehrere Staaten dasselbe Flusseinzugsgebiet teilen. Das bekannteste Beispiel ist der Nil: Äthiopien errichtete am Blauen Nil ein riesiges Wasserkraftwerk, während Ägypten, das fast vollständig von diesem Fluss abhängt, befürchtet, dass es künftig immer weniger Wasser erhalte. Ähnliche Spannungen bestehen um Tigris und Euphrat, deren Wasser sich die Türkei, Syrien und der Irak teilen, sowie um den Indus zwischen Indien und Pakistan. Obwohl offene Kriege um Wasser bislang selten waren, meinen Experten, dass der Klimawandel solche Streitigkeiten verschärfen könnte, sofern die internationale Zusammenarbeit nicht gestärkt wird.
Die Verantwortung liegt jedoch nicht allein bei Regierungen und Großverbrauchern. Ein Haushalt, der regelmäßig kurz duscht, statt zu baden, tropfende Wasserhähne repariert und die Waschmaschine nur voll beladen einschaltet, kann Hunderte Liter pro Woche einsparen. Noch größeren Einfluss hat das sogenannte virtuelle Wasser, also die Wassermenge, die in der Herstellung von Lebensmitteln und Kleidung steckt. Für ein Kilogramm Rindfleisch werden beispielsweise mehrere tausend Liter Wasser benötigt, was ein Vielfaches dessen ist, was für die gleiche Menge Getreide nötig ist. Ein maßvollerer Fleischkonsum und weniger weggeworfene Lebensmittel gehören daher zu den wirksamsten Mitteln, mit denen der Einzelne seinen eigenen Wasserfußabdruck verringern kann.