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Wirtschaft ·

Zwischen Schutz und Offenheit: Übersteht die europäische Autoindustrie den chinesischen Druck?

Das Elektroauto, das noch vor einem Jahrzehnt als teure Nische galt, hat sich inzwischen zu einem Segment entwickelt, das den europäischen Markt immer stärker prägt. Im Jahr 2024 war fast jeder siebte in der Europäischen Union zugelassene Neuwagen vollelektrisch, obwohl das Wachstum vorübergehend ins Stocken geriet. Besonders aufschlussreich ist das Beispiel Norwegens, wo der Staat Elektrofahrzeuge seit Jahrzehnten steuerlich begünstigt, sodass Benzin- und Dieselautos bei den Neuzulassungen zur Seltenheit geworden sind. Wie empfindlich der Markt auf politische Signale reagiert, zeigte hingegen Deutschland: Nachdem die Bundesregierung die Kaufprämie Ende 2023 überraschend gestrichen hatte, sank der Absatz reiner Elektroautos im folgenden Jahr deutlich.

Parallel dazu drängen immer mehr chinesische Hersteller auf den europäischen Markt, allen voran BYD, das Tesla beim weltweiten Absatz von Elektroautos zeitweise überholt hat. Ihr Wettbewerbsvorteil beruht nicht allein auf niedrigeren Kosten für Arbeitskräfte und Energie, sondern vor allem darauf, dass China nahezu die gesamte Wertschöpfungskette der Batterie kontrolliert. Hinzu kommt, dass Peking die Branche seit Jahren mit umfangreichen Subventionen fördert, was nach Ansicht vieler Beobachter zu erheblichen Überkapazitäten geführt habe.

Die Europäische Kommission eröffnete im Herbst 2023 eine Antisubventionsuntersuchung, weil sie den Verdacht hegte, dass chinesische Elektroautos durch unfaire staatliche Beihilfen künstlich verbilligt würden. Seit Ende Oktober 2024 erhebt die EU daher Ausgleichszölle, die bis zu rund 35 Prozent betragen und zusätzlich zum regulären Einfuhrzoll von zehn Prozent anfallen. Bezeichnenderweise kritisierte ausgerechnet die deutsche Autoindustrie die Zölle scharf, da sie chinesische Gegenmaßnahmen befürchtete und nach wie vor einen erheblichen Teil ihrer Gewinne in China erwirtschaftet. Befürworter der Zölle halten dem entgegen, dass Europa ohne Schutzmaßnahmen eine ähnliche Entwicklung drohe wie einst in der Solarbranche, die nach China abgewandert ist. Ob die Zölle ihr Ziel erreichen, ist allerdings umstritten, denn mehrere chinesische Konzerne errichten bereits eigene Werke in Ungarn und der Türkei, womit sie die Abgaben umgehen könnten.

Besonders deutlich zeigt sich der Umbruch bei Volkswagen, dem größten Autohersteller Europas, der jahrzehntelang glänzend am chinesischen Markt verdient hatte. Dort verlor der Konzern binnen weniger Jahre erhebliche Marktanteile, weil heimische Anbieter aufgeholt haben und Fahrzeuge mit ausgefeilter Software zu deutlich niedrigeren Preisen anbieten. Gleichzeitig belasteten hohe Kosten die deutschen Werke, sodass das Management im Jahr 2024 erstmals offen über die Schließung von Standorten in Deutschland nachdachte. Das Unternehmen und die Gewerkschaft einigten sich Ende 2024 schließlich auf einen Kompromiss: Betriebsbedingte Kündigungen sollen vermieden werden, dafür sollen bis 2030 in Deutschland mehr als 30.000 Stellen abgebaut werden.

Mindestens ebenso entscheidend wie die Handelspolitik dürfte für die Zukunft der Elektromobilität die Frage sein, ob die Ladeinfrastruktur mit dem Wachstum des Fahrzeugbestands Schritt hält. Zwar wächst die Zahl öffentlicher Ladepunkte in der EU rasant, doch konzentriert sich ein Großteil davon auf nur drei Länder, nämlich die Niederlande, Deutschland und Frankreich.

Offen bleibt somit die Frage, ob Europas Autobauer den Rückstand bei Batterien und Software rechtzeitig aufholen können. Einige setzen auf Kooperationen mit chinesischen Partnern, um von deren Entwicklungstempo zu profitieren; andere investieren Milliarden in eigene Batteriefabriken, deren Wirtschaftlichkeit noch keineswegs gesichert ist. Ökonomen betonen zudem einen grundlegenden Zielkonflikt: Je stärker Europa sich abschottet, desto teurer dürften Elektroautos bleiben, was wiederum die politisch gewollte Abkehr vom Verbrennungsmotor verlangsamen könnte. Ob der europäische Markt von fairem Wettbewerb oder von einer Spirale gegenseitiger Handelsschranken geprägt sein wird, entscheidet sich daran, ob Brüssel und Peking einen tragfähigen Ausgleich finden.

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