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Gesellschaft ·

Wer bezahlt künftig die Renten eines alternden Kontinents?

Europa, das jahrhundertelang als Motor der globalen Entwicklung galt, ist heute der Kontinent mit dem höchsten Durchschnittsalter der Welt. In fast allen europäischen Staaten liegt die Geburtenrate deutlich unter dem Niveau von etwa 2,1 Kindern pro Frau, das Demografen für nötig halten, um die Bevölkerungszahl ohne Zuwanderung stabil zu halten. Zugleich liegt die Lebenserwartung dank medizinischer Fortschritte und besserer Lebensbedingungen in weiten Teilen Westeuropas inzwischen bei über 80 Jahren. Das Ergebnis ist eine Bevölkerungspyramide, die immer mehr einer Urne ähnelt: Die Zahl der Rentner wächst stetig, während die Jahrgänge im erwerbsfähigen Alter immer schmaler werden.

Dieser Umbruch trifft besonders stark die Rentensysteme, die in den meisten Teilen Europas auf dem Prinzip der Generationensolidarität beruhen. Wenn die gegenwärtigen Trends anhalten, könnte das Verhältnis zwischen den Menschen im erwerbsfähigen Alter und den über 65-Jährigen, das heute in der Europäischen Union etwa drei zu eins beträgt, bis zum Ende des Jahrhunderts auf weniger als zwei zu eins sinken. Die Regierungen stehen deshalb vor einer unbequemen Wahl: die Beiträge und Steuern zu erhöhen, die Renten zu kürzen oder das Renteneintrittsalter anzuheben. Deutschland beschloss beispielsweise bereits 2007, die Altersgrenze schrittweise von 65 auf 67 Jahre anzuheben. Dabei sind die Renten nur die eine Seite der Medaille, denn eine ältere Bevölkerung benötigt zwangsläufig auch mehr Medikamente, Krankenhausbehandlungen und Langzeitpflege.

Der Arbeitskräftemangel, vor dem Ökonomen seit Jahren warnen, ist längst keine abstrakte Prognose mehr, sondern in vielen Branchen Alltag. In Krankenhäusern und Pflegeheimen fehlen Krankenpfleger und Altenpfleger, und auf dem Land gelingt es vielen Betrieben nicht, offene Stellen zu besetzen. Die Lage dürfte sich noch verschärfen, wenn in den kommenden Jahren die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er-Jahre in Rente gehen, weil an ihre Stelle deutlich weniger junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt nachrücken.

Deutschland, dessen Wirtschaft besonders stark von der Industrie und von Fachkräften abhängt, wendet sich deshalb immer gezielter dem Ausland zu. Für die Region besonders bedeutsam ist die sogenannte Westbalkanregelung, die es seit 2016 Bürgern aus sechs Staaten, darunter Nordmazedonien, ermöglicht, ohne formal anerkannte Qualifikation in Deutschland zu arbeiten, sofern sie ein konkretes Stellenangebot haben. Die jährliche Quote, die zuvor bei 25.000 Personen lag, wurde 2024 auf 50.000 verdoppelt.

Was aus deutscher Sicht wie eine pragmatische Lösung erscheint, stellt aus Sicht der Herkunftsländer oft einen schweren Verlust dar. Die Volkszählung von 2021 ergab, dass in Nordmazedonien weniger als 1,9 Millionen Einwohner leben, deutlich weniger als bei der vorherigen Zählung von 2002, wobei ein Großteil des Rückgangs auf Abwanderung zurückgeführt wird. So entsteht ein Teufelskreis: Je mehr junge Menschen abwandern, desto schneller altert die zurückbleibende Bevölkerung, wodurch auch die Zahl derer schrumpft, die künftige Renten finanzieren müssten.

Befürworter der Arbeitsmigration betonen, dass Überweisungen aus dem Ausland vielen Familien helfen und dass Rückkehrer neues Wissen und neue Erfahrungen mitbringen. Kritiker wiederum warnen, dass von einem solchen Austausch langfristig vor allem die reicheren Länder profitieren, während die ärmeren gerade jene Menschen verlieren, ohne die ihre Entwicklung kaum möglich wäre. Deshalb diskutiert man zunehmend über Partnerschaftsmodelle, bei denen sich die Aufnahmeländer an den Ausbildungskosten in den Herkunftsländern beteiligen würden, damit deren ohnehin knappe Fachkräftereserven nicht aufgezehrt werden. Offen bleibt die Frage, ob Europa es schafft, die eigene Alterung abzufedern, ohne die demografische Krise seiner Nachbarn zu verschärfen.

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