Fünf Jahrzehnte nach Apollo: der neue Wettlauf zum Mond.
Als die Besatzung von Apollo 17 im Dezember 1972 den Mond verließ, ahnten nur wenige, dass ihn mehr als fünf Jahrzehnte lang kein Mensch mehr betreten würde. Die Gründe waren nicht nur technischer Natur: Nach dem Sieg im Wettlauf mit der Sowjetunion erlahmte der politische Wille in Washington rasch, und das Budget der NASA wurde drastisch gekürzt. Heute hingegen steht der Mond wieder im Mittelpunkt des Interesses, wobei nicht nur staatliche Agenturen, sondern auch private Unternehmen um ihn konkurrieren.
Im Zentrum der amerikanischen Ambitionen steht das Programm Artemis, benannt nach der Zwillingsschwester Apollons. Die erste Mission ohne Besatzung, bei der die Kapsel Orion im Jahr 2022 den Mond umrundete, gilt als Erfolg, obwohl der Hitzeschild beim Wiedereintritt stärker als erwartet beschädigt wurde. Der Plan umfasst einen Flug mit vier Astronauten um den Mond und danach eine Landung in der Nähe des Südpols. Allerdings wurde das Programm mehrfach verschoben, und seine Kosten, die nach Schätzungen mehrere Dutzend Milliarden Dollar betragen, sorgen im Kongress regelmäßig für Kritik. Kritiker argumentieren, dass dieselben Mittel effizienter in Robotermissionen investiert werden könnten, während Befürworter meinen, dass erst die Anwesenheit von Menschen echte wissenschaftliche und technologische Durchbrüche ermögliche.
Artemis ist kein ausschließlich amerikanisches Unterfangen: Die Europäische Weltraumorganisation baut das Servicemodul der Kapsel Orion, ohne das die Besatzung weder Antrieb noch Strom, Wasser oder Sauerstoff hätte. Parallel dazu unterzeichneten mehr als 50 Staaten die Artemis-Abkommen, die gemeinsame Regeln für die friedliche Erforschung des Weltraums festlegen sollen, wenngleich Kritiker darin vor allem einen Versuch Washingtons sehen, eigene Standards durchzusetzen.
Gleichzeitig verfolgt China ein eigenes Mondprogramm, das in den vergangenen Jahren eine Reihe beeindruckender Erfolge erzielt hat. Im Jahr 2019 war die Sonde Chang'e 4 das erste Gerät, das auf der Rückseite des Mondes weich landete, und im Jahr 2024 brachte die Mission Chang'e 6 von dort Gesteinsproben zur Erde. Peking hat angekündigt, dass es bis 2030 eigene Taikonauten auf den Mond schicken und später gemeinsam mit Russland eine dauerhafte Forschungsstation errichten will. Daher überrascht es nicht, dass viele Beobachter von einem neuen Wettlauf ins All sprechen, bei dem es anders als zur Zeit des Kalten Krieges nicht nur um Prestige, sondern auch um den Zugang zu Ressourcen geht.
Gerade die Ressourcen erklären auch, warum fast alle geplanten Missionen auf den Südpol ausgerichtet sind. In den tiefen Kratern rund um den Pol, auf deren Boden niemals Sonnenlicht fällt, sinken die Temperaturen unter minus 200 Grad Celsius. Wissenschaftler vermuten, dass sich in diesen sogenannten permanent verschatteten Regionen über Milliarden Jahre hinweg Eis angesammelt hat, mutmaßlich eingetragen durch Kometen und Asteroiden. Sollte dieses Eis tatsächlich in ausreichenden Mengen vorhanden sein, ließen sich daraus Trinkwasser und Atemluft gewinnen, aber auch Wasserstoff und Sauerstoff als Raketentreibstoff. Der Mond könnte auf diese Weise zu einer Art Versorgungsstation werden, von der aus Missionen zu ferneren Zielen vorbereitet würden, was die Kosten erheblich senken würde, da jedes von der Erde ins All beförderte Kilogramm außerordentlich teuer ist.
Langfristig gilt der Blick der Raumfahrtagenturen jedoch dem Mars, für dessen Erkundung der Mond als Testgelände dienen soll. Dort sollen Lebenserhaltungssysteme, neue Antriebstechnologien und Bauverfahren erprobt werden, bevor Menschen zu einer Reise aufbrechen, die mehrere Monate pro Richtung dauern würde. Entscheidend ist dabei, ob die politische Unterstützung und die Finanzierung über mehr als einen Wahlzyklus hinweg stabil bleiben, denn frühere Programme wurden mit jeder neuen Regierung häufig gestoppt oder umgestaltet. Ob Menschen in den kommenden Jahrzehnten den Mars betreten werden, ist noch offen, doch eines scheint nahezu sicher: Der Weg dorthin führt über den Mond.